Monika Pichler  

Siebdrucke

Von Paolo Bianchi

Auf dem Rücken eines Elefanten zu sitzen und sich als geistreicher Weisser bemitleidend über das arme, wilde Indien zu amüsieren, steht beispielhaft fürs schöne Staunen eines Europäers. Wer nicht nur sehen, sondern auch begreifen will, kommt um ein vertieftes Studium fremder Kulturen nicht herum. Je mehr man weiss, um so mehr sieht man. Der Wissende nimmt besser wahr.

Oft muss man weit vor die Haustür gehen, um etwas über sich zu erfahren: Die weite Welt als Lebensschule. Indem man reist, beginnt die passive Biographie sich zu entgrenzen, um als Denkgeographie aktive Gestalt anzunehmen. In der Geo-Graphie kehrt die Bio-Graphie als anderer, als Gast zu sich selbst zurück. Der Einkehr geht das Verlassen der engen Grenzen des nicht selten unheimlichen Heims voraus. Unbeantwortet bleibt dabei die Frage: In welche Richtung betet man im Flugzeug?

Es ist der 14.Februar 1997. Die Künstlerin Monika Pichler,36, sitzt im Zug Linz-Wien und macht sich Notizen: "Es gibt da eine Ida Pfeiffer aus Wien, die mit 45 Jahren begann - nach Erfüllung ihrer bürgerlichen Mutterpflichten - zu reisen und so um 1850 die ganze Welt bereiste. 1842 reiste sie nach Palästina und Ägypten, 1845 nach Skandinavien und Island, 1846-48 bereiste sie Brasilien, Chile, Tahiti, China, Vorderindien, Persien, Kleinasien und Griechenland, 1851-55 machte sie eine 2. Weltreise, 1856 schiffte sie sich nach Madagaskar ein, wurde dort gefangengenommen und des Landes verwiesen. Sie starb 1858 in Wien an den Folgen der Strapazen dieser letzten Reise. ...Ich würde gerne die Erinnerungen an Ida Pfeiffer wecken."

Gesagt, getan. "Idas Reiseteppich" von Monika Pichler basiert auf einer mehrfachen Anspielung: Vielleicht hat Ida Pfeiffer Teppiche von ihren Reisen mitgebracht; der Reiseteppich vermittelt auf jeden fall etwas Häusliches und Nomadenhaftes zugleich. "Denn er ist beweglich", notiert die Künstlerin weiter. "Ein Boden, den man mitnehmen kann, ausserdem war im Biedermeier der Orient sehr in Mode und somit auch der Orientteppich."

Low statt high heisst Pichlers Devise oder anders ausgedrückt: Nomadismus statt schöner Wohnen. Ab zu den Kamelen, statt vor dem flimmernden Kaminfeuer im Fernsehen zu reisen. Flow statt fly. Im flow zu bleiben macht aus Pichler die gewohnheitsmässig Reisende, die ewige Wanderin, die nirgends zu Hause ist als in der Bewegung. Perfekte Ferien langweilen. Unvorhergesehenes bleibt hingegen lebendig in Erinnerung. Oft ist es viel spannender, lesend zu reisen, als sich der Reisebewegung selbst hinzugeben. Als Lesende ist Pichler eine Nomadin mit den Augen. Seit der Vatikan 1985 entschieden hat, dass der päpstliche Segen per Bildschirm nichts von seiner Wirkung verliert, entfällt jeder Grund, selbst nach Rom zu reisen.

Unterwegs ist die Künstlerin nicht nur mit dem Selbstbild ihrer Identität. Unterwegs ist sie auch ästhetisch - nicht als neue Autorität, aber als eine nomadische, unstet wandernde und antinarrative Energie. Für den ästhetisch Reisenden stellt sich die frage nach einer oppositionellen Strategie, nach einer Vision als Gegenstück zum Tourismus-Imperialismus. Gegen die Tyrannei des massenhaften setzt der reisende Ästhet auf die Subversion des Eigenen, auch wenn ihm bei seiner Abfahrt der Stau am Check-in-Schalter nicht erspart bleibt. Es geht ihm auf seiner Passage um eine ethisch-ästhetische Position in einer Globalkultur, um seinen interkulturellen Standort in einem neuen kosmopolitischen Raum, um sein Image in der Welt. Reisen, auch Pichlers imaginäres Reisen, kommt von der Lust des Reisenden an der Welt.

Es ist der 16. März 1997. Im EC 660 Joseph Moor von Wien nach Linz nützt Monika Pichler die Zeit für Notizen: "Ich werde Ida Pfeiffers Reiseberichte lesen und zugleich einmal die erste konkrete Siebdruckarbeit in Angriff nehmen - ich konzentriere mich auf die Dinge, die sie mitgebracht hat oder mitgebracht haben könnte. Von der Reise ins Heilige Land könnte das eben ein Teppich sein." Die Künstlerin macht sich Gedanken über das Gelesene: "Reiseberichte, die von Frauen geschrieben wurden, wurden auch vorwiegend von Frauen gelesen, denn sie brauchten dazu den häuslichen Herd nicht verlassen."

Alles Unglück dieser Welt rührt einzig daher, dass der Mensch nicht ruhig in einem Zimmer bleiben kann, befand Blaise Pascal, Franzose des 17. Jahrhunderts, der die medizinische Spritze und die Rechenmaschine erfand und 1662 mit nur 39 Jahren starb. Statt reglos in seinem Zimmer zu liegen wie ein verpupptes Insekt, das auf den Anbruch einer neuen Jahreszeit wartet, ist der Mensch ein Tempomacher und Ruheloser: Seine Reise um die Welt in 80 Tagen führt jedoch in die Leere. Denn die Welt ist bis in den letzten Winkel bereist. Der wahre garten Eden ist die öde. Angesagt wäre eher, um einen Buchtitel von Julio Cortàzar zu zitieren, eine "Reise um den tag in 80 Welten". Monika Pichlers Teppiche sind diese Welten - es sind Teppiche des Lebens.

Paolo Bianchi, Kulturpublizist, Baden (Schweiz)
(aus: Monika Pichler, Siebdrucke, Ausstellungskatalog Galerie im Traklhaus, 68. Ausstellung im Förderprogramm des Landes Salzburg, 1998)