Monika Pichler  

Nüsse und Hirne

Von Paolo Bianchi

"Am Baum ist die Walnuss von einer fleischigen grünen Fruchtschale umschlossen, die beim Abfallen vom Baum zerplatzt", notiert Monika Pichler. Die Walnuss ist eine Steinfrucht. In der Literatur wird die Nuss/Walnuss/Mandel als Sinnbild für den Menschen verwendet. Dabei dient die grüne Hülle als Symbol des Fleisches, die harte Schale als Symbol der Knochen und der süsse Kern als Symbol der Seele. Als Christus-Symbol verkörpert die bitter schmeckende Hülle des Fleisches Christi, das die bittere Passion durchlitten hat, die Schale das Holz des Kreuzes und der Kern, der nährt und durch sein Öl Licht ermöglicht, die göttliche Natur Christi.

Die Linzer Textilkünstlerin Monika Pichler (*1961) verbindet in ihren Werken Nüsse und Hirne. Die in Walnüssen erhaltene Fettsäure sorgt im Gehirn für eine reibungslose Übertragung der Nervenimpulse. Nüsse unterstützen den Aufbau der hormonhaltigen Substanz Prostagladin - der Schmierstoff für Denk- und Gedächtnisleistung. Die Nuss als süsse Frucht in einer harten Schale gilt als Symbol des Wesentlichen und Geistigen, das hinter Äusserlichkeiten verborgen ist, so wie die menschliche Natur Christi seine göttliche verbirgt. In der Antike galt die Nuss/Mandel wegen ihres beschützt geborgenen Kerns als Symbol der Schwangerschaft und Fruchtbarkeit. Sie wurde deshalb bei Hochzeiten ausgestreut. Der geniessbare Kern muss erst aus der Schale herausgearbeitet werden, daher gilt die Nuss auch als Symbol der Geduld. Das aus der Mandel/Nuss gewonnene Öl hatte bei den Griechen phallische Bedeutung, es galt als der Samen des Zeus.

Wenn Monika Pichler in den letzten Jahren den Weg nach aussen eingeschlagen hatte, zu reisenden Frauen wie Ida Pfeiffer oder Annemarie Schwarzenbach, so folgt auf die entschiedene Veräusserlichung nun eine ebenso entschlossene Verinnerlichung. Die Perspektive hat sich gewandelt. Ihre Frauenfiguren forderten einen die Anteilnahme verlangenden Blick auf die erzählte Geschichte. Mit "Nüsse & Hirne" gerät der Betrachter gleichsam selbst in den Blickwinkel der Darstellung. Das Bild der Nuss ist das Hirn des Betrachters. Wir beobachten den Beobachter in uns selbst. Wir hören zu, was das Gesehene uns sagt.

Mit den Reisen und Büchern ihrer Divas lenkte Monika Pichler den Fokus des Interesses der Beobachter auf das Gezeigte. Mit "Nüsse & Hirne" zielt die Künstlerin auf die Reaktion der Betrachter, also auf die Empfindungen, welche das Gesehene auslösen. Die Motive und Muster der "Nüsse & Hirne" stimulieren unsere "Erinnerungsdepots", lösen Bilder in uns aus, eröffnen einen Spielraum, den uns das Bild lässt: Darin trägt sich "das Bild des Beobachters" zu. Der Blick auf die "Nüsse & Hirne" ist ein blosses Schauen, das nichts herausfinden muss. Dinge wie "Nüsse & Hirne" werden nicht nach ihrem Gebrauchs- oder Erkenntniswert beurteilt. Das Bild des Beobachters generiert sich als absichtslose Anschauung. Diese Hingabe richtet sich ganz auf das in den abgebildeten Dingen sich entfaltende Eigenleben.

Wenn Stoffdesigner mehrheitlich abstrakte Muster huldigen, pflegt die Textilkünstlerin Monika Pichler den durch Gewohnheit verächtlich gewordenen Verkehr mit allem Gegenständlichen. Mit ihren Arbeiten zu reisenden Frauen oder zu den mit Bildern collagierten Schürzen blickte Pichler in die Vergangenheit. Die "Nüsse & Hirne" zielen jetzt auf die Zukunft.

© Paolo Bianchi, Kulturpublizist, Baden/Schweiz, 2004
(aus: Monika Pichler, Nüsse und Hirne, Dokumentation der Aussstellung in der Galerie am Stein, Schärding, Austria, 2004)