Monika Pichler  

Reisen im Wohnzimmer
Die "Teppiche" der Textilkünstlerin Monika Pichler

Von Vera Rathenböck

Eine "Zimmerreise", also Reisen im Kopf mit einem Buch in der Hand, das empfahl man den Frauen im 19. Jahrhundert, die an Fernweh litten. Mit "Zimmerreisen" beschäftigt sich auch die Textilkünstlerin Monika Pichler und in der Form des "Teppichs" hat sie ein symbolisch und gestalterisch ergiebiges Medium gefunden.

Der Teppich gilt den Europäern seit dem Biedermeier vordergründig als das Symbol für den Orient. Er liegt als schönstes Stück im Wohnzimmer und wenn wir bei Tisch sitzen, strecken wir auf ihm unsere Beine aus und kommen zur Ruhe. Und doch ist er ein schillernder Zeuge eines völlig anderen Lebens als jenes, das mit dem schwäbischen Bonmot "Schaffe, schaffe, Häusle baue" verbunden ist: der Teppich entspringt dem Nomadentum und gilt als ein "bewegliches Stück Land" - und wenn er doch fliegen könnte!

"Meine Teppiche sind Siebdrucke, meist auf Velours, die nur den Eindruck eines Teppichs entstehen lassen", erklärt Pichler ihre Vorgangsweise. Die Oberflächengestaltung ergibt sich aus Kopien von traditionellen Teppichmustern, die Pichler mit konkretem Fotomaterial überlagert.

Für den Laien wecken die Ornamente Assoziationen zu Landkarten; für den Kenner sind es Landkarten, weil jede Teppichregion spezielle Muster entwickelt hat. Pichler verbindet und füllt die alten Ornamente einer Region mit aktuellen Medienbildern aus eben diesem Landstrich, wobei der Charakter des traditionellen Teppichs bewahrt bleibt. "Erst wenn der Betrachter Zerstreuung sucht, wird sein Blick geschärft", erklärt Pichler ihr Anliegen. Denn die Tücke liegt in der schönen Behaglichkeit, die gerade beim textilen Material schnell erreicht ist. Das Auge tappt in einen Hinterhalt, wenn die Schnörkel plötzlich Horrorszenarien freigeben: bei "Ölteppich I und II" etwa kombinierte Pichler die Detailaufnahmen ölverschmierter Vögel mit Ansichten von den Verursachern der Ölpest, den Tankern. Diesen Zeitspiegel verwob sie optisch mit einem indianischen Teppichmuster. Die Reihung der Motive entsprach der Reihenfolge der Ereignisse und sie verwendete Gummi (aus Erdöl) als Druckgrund. Im Sommer 1995, "als die Bilder vom Krieg im ehemaligen Jugoslawien scheinbar nicht abzureißen schienen", entstanden dann zwei "Bombenteppiche".

Wenn sich Pichler auch immer wieder anderen Motiven zuwendet, die Medienproduktion der Bilder zum Krieg verfolgt sie ebenso kontinuierlich wie die literarischen und fotografischen Nachlässe von reisenden Frauen. "Wie es den Maler drängt, ein Bild zu malen, den Dichter, seine Gedanken auszusprechen, so drängt es mich, die Welt zu sehen", schrieb Ida Pfeiffer im März 1850. Sie war die erste Frau, der eine Weltumrundung gelang. 150 Jahre später widmet ihr Pichler einen Teil aus der Serie "Frauenreise Teppiche". Eine Annäherung der beiden Themen findet unweigerlich statt: "Die Länder, in denen heute Krieg geführt wird, kann man als Frau meistens nur schwer betreten. Also ist mir hier die Fiktion lieber, die ich freilich mit der Realität verschränken muss, gerade wenn dort Krieg geführt wird." Ihre Aufmerksamkeit gilt den Verlierern, den Frauen, den Kindern, den Flüchtlingen, all jenen also, denen der Krieg die Existenz wie einen Teppich unter den Füßen weggezogen hat.

Monika Pichler, die 1961 in Hallein geboren wurde, absolvierte die Universität für künstlerische und industrielle Gestaltung in Linz. Seit 1993 ist sie als Vertragsassistentin bzw. nunmehr als A. Univ.-Prof. am Institut für Kunst und Gestaltung an der Lehrkanzel Textil (vormals Meisterklasse Textil) tätig. 1995 erhielt sie die Talenteförderungsprämie des Landes Oberösterreich, und u.a. der Bund, die Stadt Linz, das Land Oberösterreich und das Land Salzburg kauften Werke an.

Eine Reise durch die Heimat mit dem Fotoapparat unternahm Pichler im Jahr 1998, als sie den Zuschlag für die Gestaltung eines Wandteppichs für das Foyer des Sitzungssaales der Bezirkshauptmannschaft Wels-Land erhalten hatte. "Wenn Kunst jedoch nicht an der Wand hängt, wird die Rezeption schwierig", meint Pichler schmunzelnd, wenn sie über die Reaktion auf ihre provokanten T-Shirts, auf zärtlich bedruckte Schlafbrillen, Schals oder Kleiderreisesäcke spricht. Wenn Kunstwerke zu gebrauchen sind, drückt das den Preis, so ihre Erfahrung. Dennoch liebt sie die Arbeit an den Gebrauchsgegenständen. Die Kunst mischt sich in den Alltag ein, verliert die Aura des Unantastbaren, stärkt aber die Kraft, sich auf wesentliche Dinge im Leben zu konzentrieren, wie ihre aktuellen Motive - Nuss und Hirn - andeuten.

(aus: Kulturbericht Oberösterreich 56.Jg. 3/2003)