Monika Pichler  

Eröffnungsrede von Stella Rollig zur Ausstellung "Water: Life at the River and the Sea"

Galerie Thiele, Linz, Oktober 2014

Die Bilder von Monika Pichler haben ein ungeheures Faszinosum, eine affektive Attraktivität, sie ziehen uns ganz unmittelbar an und berühren auf eine sehr ursprüngliche, nicht unbedingt intellektuelle Weise. Ich möchte ein paar Argumente, ein paar Gedanken dazu formulieren, was Monika Pichler so unverwechselbar macht in ihren Bildfindungen und auch – das ist nicht zu vernachlässigen – in ihrer künstlerischen Technik, dem Siebdruck, den sie auf eine sehr aktuelle und innovative Weise einsetzt. Ein Schlagwort, das uns heutzutage ständig begleitet, ist das von der „Bilderflut“, und sehr viele Künstler und Künstlerinnen reagieren auf die ständige Gegenwart, die Überfülle von Bildern damit, dass sie mit gefundenen Bildern arbeiten. Es gibt eine Vielzahl an künstlerischen Positionen, die Bilder aus dem Internet sammeln, verarbeiten, neu zusammenstellen. Das macht Monika Pichler nicht: Alle Bilder, die Sie hier sehen, hat die Künstlerin selber gesehen, mit ihren eigenen Augen, sie hat sie kognitiv verarbeitet, und sie hat sie mit ihrer Kamera festgehalten. Das ist ein wesentliches Merkmal dieser Bilder, das spürt man ihnen nämlich an, sie sind – und das ist ein wichtiger Begriff, mit dem wir uns ihnen nähern können – sie sind Emotionen-Speicher. Sie sind autobiografisch, und Monika Pichler könnte zu jedem Bild eine Geschichte erzählen, wo es aufgenommen ist, ob in Linz, ob am Ufer der Donau in Urfahr oder auf den vielen weiten Reisen, die Monika Pichler seit Jahren unternimmt, quer durch Europa und auf andere Kontinente dieser Erde. Sie hat ein besonderes Gespür dafür, Bilder zu finden, mit einem Blick für Situationen, für Oberflächen, für Textur und für Farben, für Bedeutungen. Sie findet diese Bilder mit ihren eigenen Augen, sie sind autobiografisch, aber natürlich, das ist selbstverständlich bei guter Kunst, müssen die Betrachter, die Betrachterinnen nicht von jedem Bild wissen, wer die dargestellten Personen und wo diese Bilder aufgenommen worden sind. Einige Motive aus der Serie der Donaubilder, die in Urfahr entstanden sind, sind zurzeit auch in der Museumsausstellung im Nordico „An der Donau“, die Bilder sind bereits in den musealen Kontext eingetreten.

Die Serie hat ihren Ursprung vor  mehr als einem Jahrzehnt. Nach dem großen Hochwasser von 2002 hat die Künstlerin ihre Umgebung, das Donauufer vor ihrem Haus, zu fotografieren begonnen, Schwarz-Weiß-Drucke hergestellt und diese dann per Siebdruck koloriert. Das waren Bilder, die nicht mehr lange danach gemacht werden konnten, weil damals schon angekündigt war, dass das Donauufer im Zuge der Hochwasserschutzmaßnahmen neu verbaut und reguliert wird.

An dieser Stelle vielleicht ein Wort zum Siebdruck. Dieser ist eine – je nachdem, wie man es betrachtet – relativ alte oder relativ junge Drucktechnik. Die ersten Versuche damit gehen etwa auf 1900 zurück. Voraussetzung war unter anderem die Erfindung der Fotografie. In der Kunst ist der Siebdruck etwa seit den 1950er Jahren in Gebrauch, aber – und das wird ihnen geläufig sein – ganz besonders wurde er zur künstlerischen Technik der Pop Art: Andy Warhol, Roy Lichtenstein, sie haben mit Siebdruck ganz zentrale Werke ihres Oeuvres geschaffen. Voraussetzung war also die Erfindung der Fotografie, lichtempfindliche Emulsionen, Schablone, Raster, Durchdruck, das sind die medialen Komponenten, aber das Besondere ist, das Reizvolle an dieser Technik, die apparativen Voraussetzungen mit der Sensibilität des Auges und mit der kundigen und erfahrenen Hand zu vereinen. Die Verwendung des Siebdrucks durch Monika Pichler könnte man in Zusammenhang sehen mit einem neuen Interesse von Künstlerinnen und Künstlern an Techniken, die noch vor Kurzem fast über Bord geworfen worden wären, als veraltet erklärt worden sind, erinnern wir uns nur an die Keramik. Man war in Linz knapp davor, die Keramik-Klasse der Kunstuniversität aufzulassen und in die Region zu verschieben. Doch eigentlich schon zu diesem Zeitpunkt haben sich führende Künstlerinnen und Künstler wie Rosemarie Trockel  und Manfred Pernice wieder mit Keramik beschäftigt. Oder der Holzschnitt, der unter anderen mit Gert & Uwe Tobias ein großes Revival feiert. In der Kunst sind diese alten Kulturtechniken sehr gut aufgehoben, und die Künstlerinnen und Künstler setzen diese jeweils ganz bewusst ein.

Wenn Monika Pichler mit Siebdruck arbeitet, ist das eine ganz neue Herangehensweise, anders als vor Jahrzehnten in der Pop Art, als die Über-Affirmation von druckgrafischen Techniken eine Kritik an der Massenproduktion von Bildern gewesen war. Bei Monika Pichler ist es kein kritischer Ansatz, sondern vielmehr ein psychologischer, vielleicht sogar ein philosophischer. Sie finden in der Ausstellung Bilder, die eins zu eins aufgenommen worden sind als Fotografie, dann handkoloriert wurden, und dadurch entsteht eine ästhetische Reminiszenz an handkolorierte Fotos und Postkarten. Nun ist das aber überhaupt keine altertümliche Kunst und sie hat nichts Nostalgisches, denn Monika Pichler ist eine Chronistin des zeitgenössischen Lebens. In dieser Ausstellung, die sich sehr kohärent dem Thema des Lebens am Wasser widmet, zeigt sich dies nicht so stark wie in anderen Teilen des Werks, z.B. den Aufnahmen aus Ägypten mit den verhüllten Autos oder den Straßenszenen aus Italien. All das sind Augenblicke aus der zeitgenössischen Welt.

Die neue Entwicklung im Werk ist ganz besonders interessant. Hier stehen wir vor einem Bild, es ist ein zentrales Bild der Ausstellung, und wirklich, es ist ein großer Wurf: „into the future“. Monika Pichler hat nun begonnen, auf der Bildfläche digital Ausschnitte aus verschiedenen Bildern zusammen zu montieren. So entstehen ganz einmalige traumgleiche Szenen. Auf den allerersten Blick könnte man sie noch für realistisch halten, aber schon der zweite genaue Blick zeigt, was alles nicht stimmt an der Perspektive, an Größenverhältnissen. Es sind Montagen, die eine Geschichte erzählen, und oft sind es dystopische Geschichten. Die Utopie des Unwirklichen ist gekippt in etwas sehr Beunruhigendes, das etwas von einem Albtraum hat, der womöglich eine Reise ins Herz der Finsternis bedeuten könnte. Wenn man diese Bilder gesehen hat, sieht man auch die anderen Werke wieder anders: Die Gruppen am Flussufer verwandeln sich von der unbeschwerten Freizeitgesellschaft in ausgesetzte, entwurzelte Menschen. Die Bilder werden dann noch einmal mit einer anderen Bedeutung aufgeladen.

Das Thema Wasser verbindet alle Werke der Ausstellung. Es gibt unter den Motiven das Leichte, Spiegelungen, Wasseroberflächen, Wasser in sehr reizvollen, ganz nahsichtigen Aufnahmen der Oberflächen und fernsichtigen wie die Flussläufe oder Stauseen, die Monika Pichler bei ihren Reisen aus Flugzeugen heraus aufgenommen hat.

Ein Grundmotiv der gesamten Arbeit ist mit dem Begriff des Abschieds zu bezeichnen. Die Melancholie, die über diesen Bildern liegt, hat etwas mit dem Satz zu tun, der besagt, dass jeder Abschied endgültig sei. Kein Moment kommt wieder, selbst wenn man zu einer Situation, zu einem Menschen, in ein Land zurückkehrt, hat sich dieser, dieses natürlich verändert.

Die Stärke dieses Werkes liegt darin, dass es etwas Existenzielles behandelt: das Thema der Erinnerung. Die Ambivalenz dieses Themas, unseres emotionalen Umgangs mit der Erinnerung ist in dieser Arbeit enthalten, ist das, was sie so spannungsreich macht. Erinnerung ist tröstlich und sie ist herzzerreißend zugleich. Tröstlich, weil wir sie haben, herzzerreißend, weil wir uns von allem, was wir erinnern, schon verabschieden haben müssen. Das ist die Erfahrung vor diesen Bildern: Wir sehen sie in einem Augenblick an, in dem wir noch einmal erleben, dass die Erinnerung uns von jedem Moment mit rasanter Geschwindigkeit wegträgt, dem Tod entgegen, aber in den besten Bildern gelingt es Monika Pichler, uns mit dieser Tatsache zu versöhnen.

Stella Rollig, Oktober 2014